Dresden -25.April
“Aufstieg durch Bildung” – Dieser Dreiwortspruch bringt es auf den Punkt. Du bist nichts, wenn Du nicht weißt, wie der Erdball sich dreht, der Schiedsrichter aussieht oder die Kaffeemaschine kocht. Du bist auch nichts, wenn Du nicht weißt, dass das Teilen durch Null eher ein Abenteuer zum Abgrund der Welt ist oder ein “Ich will einfach nur ein Sub des Tages” bei Subway immer die Frage des Mitarbeiters nach sich zieht “Ein Körner- oder Sesambrot?”. Und auch die pure Definition des Nichts, wird sich Dir nicht erschließen, wenn Du in Deiner Schullaufbahn zu wenige Unterrichtsstunden hattest.
Vor einigen Wochen erst fragte Patrick Schreiber, Landtagsabgeordneter im Sächsischen Landtag während seiner Rede in der Plenarsitzung einen seiner Kollegen aus der Oppositionsfraktion wie viele Ausfallstunden er denn in seiner Schullaufbahn hatte. Und ja, die Frage ist äußerst wichtig, denn die Art und Weise, wie man derzeit mit der Situation des Lehrkräftemangels umgeht, lässt einen Außenstehenden schon das Gefühl, dass die Beteiligten sich irgendwie wohlig an den Ast hangelnd heimisch fühlen und entspannt die Augen schließen.
Apropos Ast. Es gibt metaphorisch noch weitere Äste. Manche würden Ihn als Lehmann’schen Baumverschnitt bezeichnen, andere widerum ganz schlicht als Schulnetzplan. Ein weiterer Ast ist auch das gestern neu vorgestellte Bildungspaket. Da mir beide Begriffe zu sperrig und zu ausgelatscht sind und sie mich schon sowieso in meinen Träumen verfolgen, habe ich mich entschieden die beiden Dinge zusammenzufassen und einfach - Auto - zu nennen.
Auto deswegen, weil der Schulnetzplan und das Bildungspaket mit seinem kleinen Kind “Nachbesserung” nichts anderes als ein mit Vollgas und heruntergelassenen Fenstern direkt auf einen Baum zusteuerndes Auto ist, welches nicht nur an einem Ast sägt, sondern gleich den ganzen Baum mit samt der Wurzel rausreißt. Die Verantwortlichen, die den Schulnetzplan und das Bildungspaket samt Nachbesserung angeschnallt und einen schweren Stein auf’s Gaspedal gelegt haben, kümmert das wenig. denn Ihre Kinder lernen wohl sowieso schon ganz woanders und sie selbst wähnen sich in Sicherheit, weil sie seitenverkehrt in der Einbahnstraße parken und ein Eis genießen.
Nun wehe denen, die sich das nicht gefallen lassen und rückwärts die Einbahnstraße den Baum hochschleppend mit Forderungen ihnen entgegenkommen. Entweder wird Zeitung gelesen, auf stur gestellt oder gleich gar weiter so getan, als wäre der Protest das Zwitschern von kleinen Vögeln, die sogar noch so dreist sind und die Ruhe stören. Nur wehe der Situation, dass diese kleinen Vögel nicht mehr nur danebenstehend beim Eisschlecken zuschauen, sondern Mitbestimmung und konkrete Verbesserungen und persönliche Konsequenzen fordern. Dann dürfen wir gespannt sein, wie schnell das Auto noch fahren wird….
Dresden, 24.04.2012 – Gastbeitrag von T. Friebel, Lehrer für Deutsch und Gestaltung aus Dresden
Da lässt heute doch die neue Kultusministerin Brunhild Kurth für eine Pressekonferenz den Termin mit Vertretern der sächsischen Lehrerpersonalräte sausen. Immerhin wollte sie vor 500 Personalräten von 400 Sächsischen Schulen sprechen.
Stattdessen bietet sie den im UfA-Kristallpalast Versammelten an, eine Abordnung von 18 Vertretern nach dem Pressetermin zu empfangen. Somit setzte Sie das in Sachsens Politik mittlerweile übliche Informationsgebahren fort: Die Presse hat Vorrang! Es warteten ja nebenan nur 500 gewählte Lehrervertreter auf Informationen aus erster Hand.
Diese begaben sich auf den Weg vor das Dienstzimmer der Ministerin, da sie nicht recht einsehen wollten, dass der “Souverän” vorladen lässt. Doch welche Informationen sind dem Ministerium und der Landesregierung so wichtig, dass sie schnellstmöglich verbreitet werden müssen? Will man sich öffentlich auf die Schultern klopfen, weil man es nach zähen Verhandlungen beispielsweise geschafft hat zusätzlich 160 echte Neueinstellungen einzuplanen?
Ein “klares” Bild von der derzeitigen Situation erhielten die versammelten Pressevertreter aufgrund der vielen aufgeworfenen aber nicht beantworteten Fragen nicht. Verkauft man der Bevölkerung einen Katastrophenplan (nach Eintritt der lang angekündigten Bildungskatastrophe) als großes Zugeständnis und Erfolg? Wer die Zahlen kennt und das Positionspapier des zurückgetretenen Bildungsministers zu Gesicht bekam, wird unschwer bemerken, dass weder ein großer Wurf gelungen ist, noch eine nachhaltige Planung dahinter steht.
Die blanke Not regiert hinter nicht mehr verschlossenen Türen, massenhafte Proteste von Schülern, Lehrern und Eltern in den vergangenen Wochen zeigen deutlich die Handlungsunfähigkeit oder gar -unwilligkeit der Entscheider.
Ohne ins Detail gehen zu wollen, die Bildungsmisere Sachsens – trotz Pisaspitzenposition – bahnt sich schon seit Jahren an. Finanziell immer auf Sparkurs zehrte Sachsens Bildung von den Reserven. Doch diese Zeiten sind endgültig vorbei. Sachsens Bildungslandschaft hat sich nachhaltig verändert und das auf maximalen Verschleiß ausgelegte System wankt gewaltig. Das zukünftige Geberland spart seit Jahren an der eigenen Zukunft.
Die Personalräte standen übrigens noch lange im Regen vor dem Kultusministerium – nicht nur im sprichwörtlichen Sinne!
Dresden, 19. April 2012
Wenn man alle Teilnehmden der Dresdner Demonstrationen seit Oktober zusammenrechnen würde, käme man auf eine Zahl die im zweistelligen Tausenderbereich zu finden wäre. Ein solches Durchhaltevermögen haben Bewegungen selten. Allen voran nicht, wenn es sich um Schülerinnen und Schüler handelte. Dresden hat gezeigt, dass ruhige, ideenlose und vorallem anteilnahmslose Schüler Geschichte sind. Seit Oktober bringen sich Schülerinnen und Schüler und Jugendliche aktiv in die Bildugnspolitik des Freistaates ein und drängen auf mehr Mitbestimmung.
Die Protestbewegung in Dresden gründete sich
aus Protest gegen den Schulnetzplan. Dieser würde zwar in seiner ersten Fassung zurückgezogen und man hat mit der zweiten Fassung Verbesserungswillen bewiesen aber mehr als ein Beschwichtigen ist auch diese Fassung nicht. Die Forderungen des Aktionsbündnisses fußten allen voran auf dem Erhalt der Berufsschulzentren in Dresden- Das haben wir geschafft! Kein BSZ wird (vorerst) ins Dresdner Umland verlagert. Ohne die stetigen Proteste hätten wir das nicht erreicht. Das muss allen Beteiligen klar sein!
Doch der Schulnetzplan besteht nicht nur aus Berufsschulzentren: Es gibt eine Grundschule in Gompitz die wachsen müsste, es aber nicht kann, weil die Stadtverwaltung das nachbarte Grundstück nicht kaufen will. “Es rechnet sich nicht!”, hörte man des öfteren aus dem Schulverwaltungsamt Dresden. Es gibt noch immer ein Gymnasium, welches vierzügig konzeptioniert und gebaut wurde und nunmehr auf 5-Züge aufgestockt werden soll. Es gibt eine Mittelschule, die über ein gewachsenes Kollegium verfügt und wegen Konzeptionslosigkeit aufgelöst und den Schülerinnen und Schülern längere Schulwege zugemutet werden sollen. Es gibt noch immer ein Berufsschulzentrum, welches aus welchen unerklärlichen Grünen auch immer aufgelöst und verteilt werden soll. Es gibt noch immer so viele Probleme, das Ortsbeiräte auch den zweiten Entwurf der Schulnetzplanung abgelehnt haben. Es gibt noch genug Probleme um sich zu empören!
Der Runde Tisch zum Schulnetzplan wäre ein effektives Mittel um allen Beteiligten die Teilhabe an der Entwicklung des Dresdner Bildungsstandortes zu ermöglichen. Man diskutiert, man informiert aber man nutzt das Gremium noch nicht annähernd so effektiv, wie man es nutzen könnte. Man hat als Außenstehender das Gefühl, das Transparenz, Beteiligung und das ganze Gremium für das Schulverwaltungsamt und den Schulbürgermeister ein Klotz am Bein ist, welches man zwar laufen lässt aber ansonsten belächelt. ( Das Schulverwaltungsamt wurde vom Runden Tisch gebeten, den Alternativvorschlag zur Verlagerung des BSZ Dienstleistung und Gestaltung zu prüfen. Passiert ist bis heute nichts…)
Bildungspolitik in Sachsen bedeutet momentan Arbeit. Es brennt. Lichterloh. Zwei Milliarden Euro müsste man in Schulen investieren, damit sie auf einen Standart saniert werden (allein Dresden müsste 700 Millionen Euro investieren). Durch die steigenden Schülerzahlen (bis 2020: + 15 000 Schüler) bedarf es auch einer steigenden Anzahl an Räumen. Das belastet den Dresdner Haushalt mit weiteren 267 Millionen Euro. Hier rächt sich, was Politiker der Oppositionsparteien und Aktive aus Gewerkschaften und Hochschulen schon vor Jahren mahnend anprangerten: Die Vielzahl an Schulschließungen waren falsch und das Sparen am Bildungssystem hilft keinem. Doof nur, dass an unserer Zukunft gespart wird und man bis heute nicht wirklich bemüht ist, etwas daran zu ändern.
Die nächste Baustelle ist wohl noch prekärer als die bisherigen Punkte. Bis 2030 werden 82 Prozent der derzeit undter Vertrag stehenden Lehrkräfte aus dem Schuldienst ausfallen. Da der Freistaat aber zu wenige Lehramtsstudierende ausbildet und das Lehrerdasein in Sachsen im Vergleich zu unseren Nachbarbundesländern eher wenig attraktiv ist, gibt es bisher noch kein schlüssiges Konzept, wie man dem Problem entgegentreten kann. Fassungslosigkeit – wenn man bedenkt, dass schon jetzt 150 Vollzeitstellen an sächsischen Schulen fehlen und man über Wochen und Monate die Zahlen kannte aber immerwährend davon sprach, es sei ja alles gar nicht so schlimm. Es kommt noch schlimmer!
Wir sind in der Pflicht unsere unsere Zukunft und die der nachfolgenden Generation zu verteidigen. Bildung ist neben dem Essen und Schlafen das Wichtigste, was uns zu dem macht, was wir sind. Wir sind darauf angewiesen. Wenn man uns diese verwehrt, müssen wir uns empören.
Nach dem letzten Aktionstag an dem sachsenweit über 20 000 Schülerinnen und Schüler teilnahmen finden am 10. Mai die nächsten Proteste statt. Wir wollen damit zeigen, dass wir nicht nachgeben und dass jedwede Reform und Konzeption jetzt und nicht erst in ein par Moneten auf den Weg gebracht werden müssen. Neben einen Demonstrationszug der Studierenden wird es einen Demonstrationszug von Schülern und Lehrkräften geben. Wichtig ist, dass Ihr wieder mit vor Ort seit. Wichtig ist, dass Ihr Eure Freunde und Bekannte mitbringt und in Gesprächen erklärt, was auf dem Spiel steht. Wichtig ist, dass allen klar wird, dass Straßenbau, Sanierung von Rathausflügeln und das Retten von Banken ohne Bildung nicht möglich wäre. Man setzt die Zukunft auf’s Spiel und dagegen werden wir am 10. Mai 2012 in Dresden weiter Druck machen!